Am 29.8.1940 schreibt Betty Scholem an ihren Sohn Gershom:
"Da las ich im Mitt. Blatt [Mitteilungsblatt des Irgun Olei Merkas Europa,
N.R.], dass in London ein Lehrhaus gegründet worden ist, u. Dr. Ernst Müller
liest über die Kabbala. Wer ist Herr Müller? Ein Konkurrent, Schüler oder
Gegner von Dir? Ich bin immer eifersüchtig, wenn einer auch mit Kabbala zu
tun hat."1 Zum 50sten Todesjahr Ernst Müllers soll der Frage nach seiner
Person erneut nachgegangen werden vor allen Dingen deshalb, weil Müller
selbst, sein Werk und sein Wirken nahezu in Vergessenheit geraten sind.
Zunächst sei nur soviel verraten, dass Müller sich als Zionist, Kabbalist
und Anthroposoph engagierte und als Übersetzer, Bibliothekar und überaus
emsiger Mitarbeiter des "Jüdischen Lexikons"2 sein Brot verdiente.
Ernst Müller wird am 21.11.1880 als Sohn des Landarztes
Isidor Müller und seiner künstlerisch-literarisch begabten Frau Johanna in
Misslitz/Mähren geboren. Seine Eltern, "beide Rabbinerskinder, hegten dem
traditionellen Judentum gegenüber pietätvolle Erinnerungen, ohne selbst
traditionell eingestellt zu sein."3 Die ersten bleibenden religiösen
Eindrücke seines Lebens erhält der Knabe durch den Chorgesang, der an einem
Jom Kippur von der Synagoge zu seinem Elternhaus hinüberschallt. Aber auch
das Sterben des Großvaters mütterlicherseits, einem traditionellen Gelehrten
mit charismatischer Ausstrahlung, hinterlässt einen besonderen Eindruck auf
die kindliche Seele. Die Atmosphäre seines Elternhauses, die Müller in einem
biographischen Artikel beschreibt, strahlt Wärme und Geborgenheit aus und
ist durch die humanistische Bildung bestimmt. Seine Mutter spielt Klavier
und vermittelt ihm und seinen Geschwistern die Klassiker der deutschen
Literatur. "Mein Vater, als Arzt mehr naturalistisch eingestellt, hegte eine
keusche, tief verborgene Frömmigkeit und hat mich durch die Art, wie er im
Original Jesaia mit mir las, tief angeregt."4 Aus dem kindlichen Gefühl
einer Berufung heraus erzieht er sich ohne das Einverständnis der Eltern zu
einer "intensiven jüdischen Frömmigkeit", die ihn zu "ständigem
Tempelbesuch, zu peinlicher Beobachtung des Sabbats veranlasst"5 und in ihm
den Wunsch weckt, Rabbiner zu werden.
Die ersten Jahre seiner Schulzeit erhält Müller wie
viele Kinder der höheren Bürgerschicht dieser Zeit Hausunterricht, der ihm
zunächst durch einen Volksschullehrer, später dann durch den Vater erteilt
wird. Demzufolge muss er die obligatorischen Jahresabschlussprüfungen als
Externer in Nikolsburg ablegen ein Ritual, aus dem der Junge stets als
Jahrgangsbester hervorgeht. Während des Besuchs des Piaristengymnasiums in
Nikolsburg ab dem 14. Lebensjahr und dem Besuch eines Gymnasiums in Brünn
bewegt er sich im lebendigen Umfeld der jüdischen Gemeinden beider Städte,
lernt Bibel und Talmud und hat noch immer das Ziel, Rabbiner werden zu
wollen, vor Augen. Das letzte Jahr seiner Schulzeit verbringt er "in einem
chaotischen Zustand von klassischer und moderner Begeisterung"6 zwischen
Wagnerscher Musik, einer Neigung zum Spiritismus und ersten dichterischen
Versuchen.
Der Studienbeginn in Wien ist von einer zunehmenden
Haltlosigkeit und Identitätssuche geprägt. Diese Krise seiner Jugend, die er
"in das geistige Schicksalsjahr 1899"7 datiert, ist für Müller äußerst
bedeutsam, da er sie mit Hilfe einer diffus wirkenden Mischung aus indischer
Theosophie und Christentum bewältigt, deren Impulse jedoch neben seinem
Engagement für den Zionismus und die jüdische Mystik eine der
Hauptkonstanten in seinem Leben bilden wird. Die notwendige Befreiung aus
dem "seelischen Chaos" bringt ein Aufenthalt in einer Kaltwasserheilanstalt,
die er auf Rat eines bekannten Psychiaters aufsucht. "In den Wochen der
Erkräftigung, in denen jedes Studium, überhaupt jede Kopfarbeit
ausgeschaltet wurde, begegneten mir manche geistige Gnaden: die Theosophie,
die mein 21jähriger Bruder zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht hatte."8
Nach seiner Rückkehr nach Wien, der Immatrikulation für
Mathematik und Physik, die ihm als exakte Wissenschaften die notwendige
"geistige Sicherheit" verleihen, tritt sein theosophisches Interesse
zunächst etwas in den Hintergrund. Durch Vorträge von Theodor Herzl und Max
Nordau kommt er mit dem Zionismus in Berührung, veröffentlich als
19-Jähriger seinen ersten Artikel und beginnt für das von Herzl in Wien
herausgegebene zionistische Wochenblatt "Die Welt" zu arbeiten.9 Mit dem
Beginn seines Engagements für die gerade aufblühende, junge zionistische
Bewegung öffnet sich dem Studenten ein ungemein vitales Netzwerk von
Schriftstellern, philosophisch Interessierten und Künstlern. Neben Herzl und
dem Pfarrer der Wiener englischen Botschaft, Reverent Hechler, der Herzl mit
dem Großherzog von Baden bekannt macht und erste Kontakte zu Kaiser Wilhelm
II. herstellt,10 lernt Müller schon 1900 den erst 22jährigen Martin Buber
und 1903 Hugo Bergmann kennen, der später der erste Rektor der Hebräischen
Universität werden sollte. Mit beiden verbindet ihn eine lebenslange
Freundschaft, die durch umfangreiche Korrespondenzen und durch eine
produktive Zusammenarbeit bezeugt ist.
Es ist weniger der politische Zionismus, sondern eher
Bubers Kulturzionismus, für den sich Müller zu begeistern beginnt. Folglich
sucht er die jungjüdischen Ideen in Diskussionsforen, wie z.B. in der von
Leon Kellner gegründeten "Jüdische Toynbeehalle" und der "Jüdischen
Lesehalle" oder in zahlreichen Artikeln jüdischer Zeitschriften und
Zeitungen zu verbreiten. Zwar handelt es sich bei diesen Beiträgen zunächst
um einfache Gedichte und Erzählungen mit einer nationaljüdischen Tendenz,
doch kommen schon bald Nachdichtungen und Übersetzungen aus dem Hebräischen
und Jiddischen, wie z.B. der Werke Ch. Bialiks, S. J. Agnons und Achad Haams
hinzu, später auch politische, religionshistorische und literarische
Texte.11 Daneben ist Müller an der Gründung eines kulturzionistisch
orientierten Studentenvereins beteiligt, der es zum Ziel hat, "den Zionismus
ins Leben zu tragen und die geistigen Elemente des Judentums in modernerer
Form zu kennen und zu pflegen und mit dem Ostjudentum [...] in unmittelbare
Verbindung zu treten."12 Durch die enge Freundschaft mit der Tochter des
jüdischen Historikers Saul P. Rabbinowitsch erhält seine Auseinandersetzung
mit der jüdischen Kultur Osteuropas neue Impulse.
Unter dem starken Eindruck der Schriften des
Kulturzionisten Achad Haams wird es ihm "selbstverständlich, die eigene
Lebenszukunft vom Zionismus her bestimmen zu wollen."13 Dennoch ruft eine
weitreichende Entscheidung Müllers große Verwunderung hervor. Als er 1903
nach seiner Lehramtsbefähigung für die Fächer Mathematik, Physik und
Philosophie, einer "chaotischen Militärzeit" und der 1905 an der Wiener
Universität erfolgten Promotion über "Bewußtseinsprobleme" bereits nach
einem halben Jahr aus seiner Lehreranstellung an einem sehr traditionell
geführten jüdischem Privatgymnasium entlassen wird und seine
Berufsaussichten zu einem fast "vollständigen Zusammenbruch" führen, bewirbt
er sich um eine Stelle als Lehrer für Deutsch und Mathematik an dem soeben
gegründeten hebräischen Gymnasium in Jaffa. Die Entscheidung ist selbst für
überzeugte Zionisten seiner Zeit nicht selbstverständlich, da ihr Engagement
zwar dem "Altneuland", der Bewegung und der Jüdischen Renaissance galt,
jedoch selten persönliche Konsequenzen nach sich zog, die sie in das damals
noch unwirtschaftliche Palästina gebracht hätte.14 Bevor Müller seine
Lehrerstelle in Jaffa antritt, nimmt er 1907 als Stenograph am 8.
Zionistenkongress in Den Haag teil und lernt so die Struktur sowie die
Persönlichkeiten der zionistischen Organisation von innen heraus kennen.15
Die Zeit nach seiner Ankunft in Palästina erfährt Müller als Identität
stiftend. Er fühlt sich "so voll und ganz als Bewohner des werdenden
jüdischen Palästinas", so dass er sich "ein Leben außerhalb Palästinas
überhaupt nicht vorstellen kann."16
Doch Müllers Leben steht nicht in der Sonne des Erfolges:
Auch die Lehrerstelle an dem Gymnasium in Jaffa verliert er bereits nach
einem halben Jahr. Seine Schilderungen erwecken den Eindruck, dass man sich
zwar sehr gefreut hatte, endlich einen fertig ausgebildeten und zionistisch
engagierten Lehrer aus Europa in die jungen Kolonien holen zu können, aber
nicht dazu bereit war, sich mit seinem "nicht vollwertigen Hebräisch"
abzufinden.17 So ist er zunächst gezwungen, sich mit Privatunterricht,
Berichterstattungen und Unterstützung seines Bruders durchzuschlagen.
Den Sommer 1908 verbringt er unter "Wundereindrücken" in
dem von "ständiger Wasserlosigkeit, maßlosem Staub [und] Fieberkrankheit"
geplagten Jerusalem und der bergig-kargen Umgebung. Seine nach mystischen
Erfahrungen suchende Seele lässt sich nicht nur durch den "unbeschreiblichen
Anblick der alten Stadt" und den heiligen Orten des Judentums, sondern auch
immer wieder von den "christlichen Gedenkstätten" inspirieren.18 Auch das
zweite und letzte Jahr seines Aufenthaltes, in dem er in einer Waisenschule
bei Lydda (Lod) unterrichtet, unternimmt er zahlreiche Exkursionen durch das
Land. Der Höhepunkt dieser Reisen bildet ein Ausflug mit S.J. Agnon nach
Galiläa, an dessen Ende ein Besuch in Safed (Zfat), dem Zentrum
kabbalistischer Gelehrsamkeit, steht.19 Die Auseinandersetzung mit der
Kabbala, insbesondere dem Buch Sohar und dem Mystiker Jizchak Luria
(1534-1572), über den Müller einen unveröffentlicht gebliebenen Roman
schreibt, hat hier eine ihrer Wurzeln.
Ein erneuter Schicksalsschlag in Form einer
Malariaerkrankung, die seinen Körper für das ganze Leben schwächt, zwingt
ihn dazu, sein neues Heimatland zu verlassen und die Rückfahrt nach Wien
anzutreten. Dort eingetroffen, sieht er sein "äußeres und inneres Leben
einer gewissen Spaltung"20 unterworfen. Zunächst wird er als
"Palästinenser" in den zionistischen Organisationen und Organen vermehrt in
die Verantwortung genommen. So übernimmt er 1910 die Mitredaktion der von
Adolf Böhm und Felix Theilhaber geführten Zeitschrift "Palästina" und
avanciert dadurch in Kolonisationsfragen zum Fachmann. "Zugleich wurde es
mir aber bewusst, das rein Menschliche, das in Palästina von selbst an mich
herangetreten war, auf alles mir jetzt Begegnende anwenden zu wollen."21 In
dieser verschlüsselten, aber häufig bei ihm in Verbindung zum Zionismus
auftretenden Betonung des allgemein "Menschlichen" scheint Müller den
Versuch zu unternehmen, sich von dem politischen Konzept der
nationaljüdischen Bewegung zu distanzieren und seine
humanistisch-anthroposophischen Neigungen hervorzuheben. Damit ist der
andere Aspekt der "gewissen Spaltung" angedeutet, die Müller in dieser Zeit
empfindet und in einen Prozess einmündet, der aus
religionswissenschaftlicher Perspektive als ein "individuelles
Konversionserlebnis"22 oder "Berufungserlebnis" bezeichnet werden kann.
"Aber zugleich vollzog sich in meinem Innern eine Wandlung, die ich nur
schwer der Öffentlichkeit schildern könnte, dahin gerichtet, dass ich wie
durch unbekannte Mächte zu einer ganz anderen Art geistigen Innenlebens mich
gedrängt fühlte."23
Wiederum ist es der Bruder, der ihn mit theosophischen
Kreisen in Verbindung bringt; im Frühjahr 1910 lernt Müller Rudolf Steiner
kennen, der eine Vortragsreihe in Wien hält. Noch aus der Retrospektive des
alternden Autobiographen sind ihm die Nachwirkungen der umwälzenden
Begegnung in lebhafter Erinnerung: "Der Eindruck [von Steiner als "eingeweiht"-mystischen
Menschen, N.R.] verstärkte sich, als ich zu Rudolf Steiner persönlich kam
und das erschütternde Erlebnis hatte, dass ein Mann vor mir stand, der
gerade um intime Züge meines bisherigen Lebens nach der geistigen Seite hin
wusste und mich zunächst in ernsten Erkenntnisfragen beriet."24 Einem Rat
Steiners folgend, nimmt Müller eine Stelle in der Bibliothek der
Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien an. Diese Beschäftigung, die er von
1911 bis 1938 schließlich als Vizedirektor ausübt, ermöglicht ihm den
Freiraum, seinen Forschungen nachzugehen. Noch im gleichen Jahr erscheinen
die von ihm aus dem Hebräischen übertragenen Gedichte Chaim Bialiks, einem
der bedeutendsten Dichter der damals aufstrebenden neuhebräischen Literatur.
In einer Rezension dieses Gedichtbändchens würdigt David Rothblum die
Übersetzung Müllers als "wohl eine der besten. Mit feinsinnigem poetischen
Verständnis und gründlicher Kenntnis der hebräischen Sprache ausgestattet,
trat Müller an diese überaus schwierige Aufgabe heran. [...] Er hat unsern
großen Dichter dem Geist des deutschlesenden Publikums nähergebracht."25
In seiner freien Zeit arbeitet sich Müller nun zunächst
als "Schüler" in die Ideen der Anthroposophie ein, findet aber über die
Auseinandersetzung mit der christlichen Mystik schon bald zur Kabbala, deren
zentrales Hauptwerk, der Sohar, ihm zum geistigen Lebensmittelpunkt und
Hauptaufgabe wird. Als Müller 1911 bei einem Steiner-Vortrag in Prag
unverhofft auf Hugo Bergmann trifft, der schon seit 1907 Bibliothekar an der
Universitätsbibliothek Prag ist und sich ebenfalls intensiv mit der
Anthroposophie beschäftigt,26 entsteht die Idee für die "gemeinsam
tastenden Versuche in der Lektüre des Sohar."27 Die Früchte dieser
Zusammenarbeit sind eine Reihe Übertragungen einzelner Soharabschnitte, die
1913 in dem Sammelband "Vom Judentum" des Prager Vereins jüdischer
Hochschüler Bar Kochba in Leipzig erscheinen.
Während und nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Müller
seine Sohar-Studien fortsetzt und sie neben seiner Einführung "Der Sohar und
seine Lehre" (1920) u.a. in der von Buber herausgegebenen Schrift "Der
Jude"28 veröffentlicht, entfernt er sich zeitweise innerlich von den
anthroposophischen Kreisen. Ausschlaggebend dafür sind nicht nur einige
antizionistische Bemerkungen aus Steiners frühen Phase, die zum Teil aus
seiner "multinationalen Haltung"29 und Kritik an den Nationalstaaten
entspringen, zum Teil aber auch einige antijüdische und antisemitische
Klischees aufweisen,30 sondern vor allen Dingen die Positionen einiger
Wiener Anthroposophen. Ihnen ist das parallele Engagements Müllers im
Judentum und in der Anthroposophie suspekt; ihr argwöhnisches Verhalten
führt Müller zu Überlegungen, aus der anthroposophischen Bewegung
auszutreten. Obwohl er in den 20er Jahren eine intensive Kurs- und
Vortragstätigkeit in den verschiedenen Kreisen entfaltet und sich in
besonderer Weise darum bemüht, junge Menschen für die Anthroposophie zu
interessieren, bleibt er ein Außenseiter. Daran vermag auch die wohlwollende
Haltung Steiners nichts Wesentliches zu ändern. Erst im Zuge eines
"stärkeren Hineinwachsens in den Kern der Bewegung"31 nach Steiners Tod
(1925), der Mitarbeit an der neuen anthroposophischen Schule in Wien und
einer intensiven Arbeit als Gesangslehrer und Vortragsredner in
anthroposophischen Kreisen bessert sich dieses Verhältnis.
Die Ablehnung des Zionismus durch die Anthroposophie
stößt bei den Zionisten verständlicherweise auf keine große Gegenliebe. Die
Ursachen für eine Zurückhaltung der jüdischen Seite kann aber auch durchaus
in Steiners unklarem Gebrauch der christlichen Terminologie und seinen
nahezu unzugänglichen esoterischen Ideen zu suchen sein. Gershom Scholem, um
keine prägnante Formulierung verlegen, macht aus seiner Abneigung gegenüber
dem "Schwärmer und Gottessucher"32 keinen Hehl. Zwar beurteilt er in einer
Rezension Müllers bekannteste Veröffentlichung "Der Sohar. Das heilige Buch
der Kabbala nach dem Urtext", die 1932 in Wien erscheint, insgesamt recht
positiv. Jedoch bemängelt er, dass "zahlreiche Anmerkungen, in denen leider
zum Teil die anthroposophischen Anschauungen des Übersetzers der Absicht des
Originals Gewalt antun, die Übersetzungen begleiten."33 Müllers Versuch
diese Kritik abzuwehren, wirkt recht unglücklich:
Es "hatte doch jener Kritiker meiner Soharübertragungen
Unrecht, in meinen Auffassungen einen Ausdruck meiner ´Theosophie` zu
finden. Und zwar aus zwei Gründen: indem jene ganz frühesten kabbalistischen
Erkenntniserlebnisse aus solcher Tiefe in mir selbst aufsprangen, wie sie
einem kabbalistischen Gelehrten kaum zugänglich sind. Und auch aus dem
Grunde, weil, als ich die jüdischen Quellen, vor allem an den Sohar
herantrat, ich schon aus Gewissenhaftigkeit jede Beziehung zu theosophischen
Gegebenheiten, vor allem zur theosophischen Terminologie, bewußt
auszuschalten hatte und lediglich dort wieder einbezog, wo sie mir eklatant
entgegentrat."34
Hier zeigt sich bereits der Unterschied zwischen Scholem
und Müller: Während Scholems Arbeiten in erster Linie dem wissenschaftlichen
Interesse eines Religionshistorikers entspringen, hat Müller, der sich
selbst in der Tradition der Kabbalisten sieht, ein starkes Interesse an
mystischen Erfahrungen und sucht spirituelle Impulse für sein eigenes Leben.
Bergmann, darum bemüht, seinen Freund der Vergessenheit zu entreißen,
konstatiert:
"Müller hat eine ihm durchaus eigentümliche Einstellung
zum Sohar und zur Kabbala überhaupt. Er fragt nicht nach den historischen
und soziologischen Aspekten, ihn interessieren auch wenig die Unterschiede
zwischen den einzelnen Schichten der jüdischen Geheimlehre in ihrer
historischen Entwicklung, er sieht sie als eine Lehre der Gegenwart an, und
bemüht sich in den Sohar so einzudringen, als wäre er ein zeitloses Buch.
Dass ihm dies weitgehend gelingt, verdankt er vor allem der Tatsache, dass
er durch die Schule Rudolf Steiners hindurchgegangen ist."35
Bergmanns weiteren Ausführungen zufolge soll die
Anthroposophie Steiners dem modernen Leser dabei helfen können, Zugang zur
soharitischen Mystik zu erhalten. Müllers Parallelisierungen in den
Bereichen der Kosmologie, der Seelenlehre und der mathematisch-gematrischen
Operationen36 machen demnach mit den Besonderheiten des kabbalistischen
Werkes vertraut.
"Man nehme etwa eine der schwierigsten Seiten des
Verständnisses der Kabbala: das Verhältnis zur hebräischen Sprache. Man hat
oft genug gelacht über das Spielen der Kabbala mit philologisch falschen
Wortetymologien und mit dem Zahlenwert der hebräischen Worte. Müller aber
weiß etwas von der schöpferischen Macht der Urlaute zu sagen und davon, dass
es eine geheimnisvolle Harmonie gibt zwischen Lautausdruck und Sinn. Er weiß
eine Bibelexegese zu rechtfertigen, welche das Wort als solches heilig nimmt
und aus dem Sinn der Laute das Recht ableitet, die Gleichlautigkeit
verschiedener Stellen als einen Beweis für die Beziehungen der Inhalte
anzusehen."37
Dass die Herangehensweise Müllers nicht eine
wissenschaftliche genannt werden kann, ist Bergmann durchaus bewusst. Aus
einem Brief an Müller, der mit den Vorbereitungen für sein Werk "History of
Jewish Mysticism" beschäftigt ist, wird deutlich, dass Bergmann selbst ein
Suchender ist und sich zwischen den kühl-distanzierten Arbeiten der Schule
Scholems und dem Forschen nach den esoterischen Zusammenhängen des
Steiner-Schülers hin- und hergerissen fühlt:
"Mein ständiger Einwand gegen Scholem und seine Schule
ist, dass er ganz in Philosophie und Literaturgeschichte aufgeht, und seine
Schüler sind alle darauf aus, ob dies oder jenes Buch von Eibeschütz oder
sonst wem geschrieben ist, und die Frage der Wahrheit der mystischen
Phänomene interessiert sie nicht. Von Scholem gilt dies wohl nicht, aber er
hüllt sich darüber in Schweigen. Wenn Sie in Ihrem Buche die Wahrheitsfrage
stellen und auf Steiner hinweisen oder die Brücke zu ihm herstellen, ist
dies ein großer Verdienst. [... Aber] wie kann ich es mit meinem
wissenschaftlichen Gewissen in Einklang bringen, Steiners Forschungen zu
glauben, da ich doch dann, in Anbetracht der Fülle dessen was er enthüllt
hat, annehmen müßte, dass er weiser war als Aristoteles, Galilei, Newton,
Einstein zusammen. Das ist a priori beurteilt so unwahrscheinlich, dass
mich mein wissenschaftliches Gewissen verpflichtet, zu zweifeln und
irgendeine Theorie (Selbstsuggestion oder dergleichen) vorzuziehen."38
Müller lässt sich von diesen Zweifeln nicht anstecken.
Seine Überzeugung, geschöpft aus jüdischer Mystik und aus christlich
formulierter Anthroposophie, gibt ihm auch die notwendige Lebenskraft, als
Österreich von außen und innen durch den Nationalsozialismus erobert wird.
Obwohl sein "ganzes seelisches Schicksalserleben in tiefste Erschütterung
versetzt" ist und er an dem "über alle Maßen tragischen jüdischen
Schicksal"39 leidet, strahlt er eine innere Ruhe aus, wie sie der ehemalige
Direktor des Wiener Zwi Perez Chajes-Gymnasiums, Viktor Kellner, anschaulich
bezeugt: "Rührende Geduld und bewundernswerte Seeleruhe waren ihm eigen. Der
Affekt der Furcht blieb ihm völlig fern. In den bösen Tagen, da der
Judenhass Orgien feierte, ging er unbeirrt, fast heiter, durch die
aufgewühlte Menge. Er war bemüht, den Urgrund jener dämonischen Barbarei zu
erkennen, und wer erkennen will, der hat keine Furcht."40 Einen Tag nach
der Reichspogromnacht wird die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde
zwangsweise geschlossen; der 58jährige ist über Nacht zum "Pensionär"
geworden. Der Versuch, mit Hilfe seines Freundes Bergmann eine Einstellung
als Bibliothekar in Jerusalem zu erhalten und so über ein Visum der
britischen Mandatsregierung erneut nach Palästina einwandern zu können,
scheitert. Jedoch gelingt es bereits emigrierten Freunden, ihm ein
Einreisevisum für England zu besorgen, so dass Müller am 21.6.1939 über
Dornach in Richtung London fliehen kann.
"Here [in London]", schreibt der mit ihm befreundete
Rabbiner Max Eschelbacher, "he was given a late deep happiness by his
marriage to the woman who, kindred to him spiritually and mentally, stood by
him as his good angel."41 Die Heirat mit Frieda Schorr im September 1941
kann in der Tat als das späte Glück in Müllers Leben bezeichnet werden. Sie
ist es, die ihm durch seine "einsame Londoner Zeit"42 , geplagt von
Tuberkulose und einer Lähmung, hindurch hilft. Unter schweren Verhältnissen
und von der Außenwelt isoliert, arbeitet er "in hoher geistiger Heiterkeit
und Ruhe"43 an seinem Lebenswerk, das 1946 in London unter dem Titel "History
of Jewish Mysticism" erscheint. Daneben veröffentlicht er u.a. in der
hebräischsprachigen Zeitschrift "Mezuda" Artikel über das Sefer Jezira und
über Aspekte des Verborgenen in der traditionellen Literatur44 , und selbst
unmittelbar vor seinem Tod am 5.8.1954 hört er nicht auf zu schreiben: In
dem Überblick über die "Wandlungen des jüdischen Bewusstseins in den letzten
zwei Jahrhunderten"45 formuliert er seine Sicht auf eine positive
Verschränkung von Judentum und anthroposophisch gedeutetem Christentum.
Abschließend kann festgehalten werden, dass Müller eine
der faszinierenden Persönlichkeiten des deutschsprachigen Judentums war, die
das kulturelle Leben ihrer Zeit aktiv gestalteten. Er war nicht nur einer
der ersten mitteleuropäischen Zionisten, die aus ihrer Einstellung zur
jungen Bewegung persönliche Konsequenzen zogen und sich am Aufbau Palästinas
beteiligten. Als Übersetzer suchte er den Ruhm der jungen hebräischen
Literatur in die Welt zu tragen. Als Kabbalist ging es ihm in seiner
lebenslangen Auseinandersetzung mit der jüdischen Mystik weniger um das
Verständnis religionswissenschaftlicher Zusammenhänge aus einer
unbeteiligten Perspektive, vielmehr unternahm er mit Hilfe der Kabbala den
Versuch, die Welt zu verstehen und spirituelle Kräfte für das persönliche
Leben zu empfangen. Als Anthroposoph glaubte er die christlich formulierte
Lehre Rudolf Steiners mit den Lehren des Sohars in Einklang bringen zu
können ein sehr problematisches Unternehmen, das ihn in den Augen der
Anthroposophen zu "jüdisch", in den Augen der jüdischen Kreise zu
"christlich" und in den Augen der Wissenschaftler zu "anthroposophisch"
erscheinen lässt. Seine Existenz zwischen den Welten erschwert die Zuordnung
seiner Persönlichkeit, ließ ihn zu einer Randfigur werden und trotz der
Bemühungen seines Freundes Hugo Bergmann in Vergessenheit geraten.
1 Betty Scholem an Gershom Scholem. Brief vom 29.8.40,
Brief-Nr. 294. In: Scholem, Betty; Scholem Gershom. Mutter und Sohn im
Briefwechsel 1917-1946. Hg. von Itta Shedletzky. München, 1989. S. 490.
2 Ernst Müller, der insgesamt 156 Artikel für das
bekannte Standartwerk verfasste, wird im Vorwort ein besonderer Dank
ausgesprochen. (Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des
jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Georg Herlitz und Bruno
Kirschner. Berlin, 1927. Bd. I, S. VII.)
3 Müller, Ernst: Mein Weg durch Judentum und
Christentum. In: Judaica. Beiträge zum Verständnis des jüdischen Schicksals
in Vergangenheit und Gegenwart. 8 (Zürich, Dezember 1952) Heft 4. S. 223.
4 Müller: Mein Weg, S. 223.
5 Müller: Mein Weg, S. 223-224.
6 Müller: Mein Weg, S. 225.
7 Müller, Ernst: Geistige Spuren in Lebenserinnerungen.
Unveröffentlichtes Manuskript. o.O., o.J. Leo Baeck-Institute New York.
Bibliothek und Archiv. Bd. 1. Hg. Max Kreutzberger. Tübingen, 1970. S. 442,
Nr. 278.
8 Müller: Mein Weg, S. 225.
9 Müller veröffentlichte mit dem ersten Gedicht "Seder"
(Die Welt, Jg. 3, Nr. 12, 24.3.1899. S. 14.) und dem Reisebericht
"Palästinabilder" (17. Jg., 3.1.1913, Nr. 1. S. 16-17) insgesamt 34 Artikel
in "Die Welt".
10 Vgl. Herzl, Theodor: Gesammelte Zionistische
Werke. 2. Bd. Tagebücher I. Berlin, 1934. S. 356, 365-394.
11 Neben seiner Mitarbeit an "Die Welt" redigiert Müller
bis zu seiner Ausreise nach Palästina die zionistische Jugendzeitschrift
"Unsere Hoffnung", zu der er insgesamt 19 Texte beisteuert.
12 Müller: Mein Weg, S. 227.
13 Müller: Mein Weg, S. 227.
14 Eloni, Yehuda: Zionismus in Deutschland. Von den
Anfängen bis 1914. Gerlingen, 1987. S. 250-251, 274-276, 366.
15 Vgl. dazu: Müller, Ernst: Probleme des [8., N.R.]
Kongresses. In: Die Welt. Jg. 11, Nr. 32, 9.8.1907. S. 7-9.
16 Müller: Mein Weg, S. 228.
17 Müller: Mein Weg, S. 229.
18 Müller: Mein Weg, S. 230.
19 Müller veröffentlichte in "Die Welt" einen
zweiteiligen Aufsatz, in dem er die Landschaft Galiläas, den
Entwicklungsstand der Kolonien sowie einige Erlebnisse seiner Reise sehr
anschaulich beschreibt. Müller, Ernst: Galiläa. Reiseeindrücke. In: Die
Welt. Jg. 13, Nr. 28, 9.7.1909. S. 609-613; Nr. 29, 16.7.1909. S. 635-636.
20 Müller: Mein Weg, S. 231.
21 Müller: Mein Weg, S. 231.
22 Mohr, Hubert: Konversion/Apostasie. In: Cancik,
Hubert; Gladigoiw, Burkhard,; Kohl, Karl-Heinz (Hrsg.): Handbuch
religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Bd. 3. Stuttgart, u.a., 1993. S.
438-441.
23 Müller: Mein Weg, S. 232.
24 Müller: Mein Weg, S. 232.
25 Rothblum, David: [Rezension zu:] Ch. N. Bialik:
Gedichte. Aus dem Hebräischen übertragen von Ernst Müller. [...] Köln und
Leipzig. 1911. In: Die Welt. 16. Jg., Nr. 4, 26.1.1912. S. 122.
26 Bergmann, der Steiner 1911 persönlich kennen lernt,
setzt sich im Rahmen seiner Professur für Philosophie an der Hebräischen
Universität mit der Anthroposophie auseinander und sorgt für eine verstärkte
Steiner-Rezeption in Israel. Der philosophische Lehrstuhl Bergmanns ist
weltweit der einzige, der 1961 den 100. Geburtstag Steiners mit einer
Festveranstaltung begeht.
27 Hugo Bergmann in seinem Vorwort zur Neuausgabe von
Müller, Ernst: Der Sohar und seine Lehre. Einführung in die Kabbalah.
Zürich, 1959, S. 7.
28 Müller, Ernst: Übertragungen aus dem Buche Sohar. In:
Der Jude. Eine Monatsschrift. Hg. von Martin Buber. 2 (1917-1918), S. 93-96;
3 (1918-1919), S. 291-292, 436; 4 (1919-1920), S. 88-89, 332.
29 Bracker, Hans-Jürgen: Steiner-Schüler und der
Palästina-Konflikt. Humanistischer Zionismus. In: Info3 (Juni 2000).
http://www.info3.de/ycms/printartikel_228.shtml.
30 Vgl. zur Frage des Antisemitismus, Antijudaismus und
Antizionismus bei Steiner siehe: Iwersen, Julia: Rudolf Steiner:
Anthroposophie und Antisemitismus. Zu einer weniger bekannten Spielart des
christlichen Antisemitismus. In: Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart.
(1996) 16-17. S. 153-163; Sonnenberg, Ralf: "Keine Berechtigung innerhalb
des modernen Völkerlebens". Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der
Sicht Rudolf Steiners. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 12 (2003) S.
185-209; Sonnenberg, Ralf: Rudolf Steiners Einschätzung des Zionismus und
die Aktualität des "Brit Schalom". In: Novalis. Zeitschrift für spirituelles
Denken. (2000) 6, S. 18-21.; Bracker, Hans-Jürgen: Der Einzelne und die
Einheit der Menschheit. Ein Hinweis auf den Zionisten und Anthroposophen
Ernst Müller. In: Novalis. Zeitschrift für spirituelles Denken. (1997) 5. S.
6-11.
31 Müller: Mein Weg, S. 236.
32 Scholem, Gershom: Tagebücher nebst Aufsätzen und
Entwürfen. 1. Halbband 1913-1917. Hrsg. von Karl Gründer und Friedrich
Niewöhner. Frankfurt a. M., 1995. S. 118.; derselbe: Von Berlin nach
Jerusalem. Jugenderinnerungen. Erweiterte Fassung. Frankfurt a. M., 1994. S.
129.
33 Scholem, Gershom: [Rezension] Müller, Ernst: Der
Sohar [...]. In: Orientalistische Literaturzeitung. [...]. Hrsg. von Walter
Wreszinski. 37 (Dezember 1934) 12. S. 742-743.
34 Müller: Mein Weg, S. 233.
35 Bergmann: Vorwort, S. 10.
36 Müller konzentrierte seine Forschungen auf die
Verbindungen zwischen Astrologie, Astronomie, Zahlenmystik und Mathematik.
Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zu diesem Themen und übersetzte auch
Ibn Esras mathematisches Werk "Sefer ha-Echad" (Ibn Esra, Abraham: Buch der
Einheit. Berlin, 1921).
37 Bergmann: Vorwort, S. 10f.
38 Hugo Bergmann an Ernst Müller. Brief vom 17.8.44. In:
Bergman, Schmuel Hugo: Tagebücher und Briefe. Band 1. 1901-1948. Hrsg. von
Miriam Sambursky. Königstein, 1985.S. 636f.
39 Müller: Mein Weg, S. 236.
40 Kellner, Viktor: Ernst Mueller. In: Mitteilungsblatt.
Irgun Olei Merkas Europa. 22. Jg., Nr. 36, 3.9.1954. S. 7.
41 Eschelbacher, M[ax]: Dr. Ernst Müller. In: The
Synagogue Review. Vol. 29 (October 1954) 2. S. 38-39.
42 Weltsch, Robert: Ernst Mueller. In: Mitteilungsblatt.
Irgun Olei Merkas Europa. 22. Jg., Nr. 36, 3.9.1954. S. 7.
43 Bergmann: Vorwort, S. 7.
44 Müller, Ernst: Al "Sefer Jezira". In: Mezuda. Kobez
le-Scheelot he-Chaim, la-Mada we-la-Sifrut. (London, Dez. 1943). S.
105-110.; derselbe: Al ha-Mistorin bi-Chitvei ha-kodesch. In: Mezuda. (Juni
1945). S. 110-115.
45 Müller, Ernst: Wandlungen des jüdischen Bewusstseins in den letzten
zwei Jahrhunderten. In: Judaica. Beiträge zum Verständnis des jüdischen
Schicksals in Vergangenheit und Gegenwart. 10 (Zürich, 1954). S. 129-154.